Schlagwort: Italienischer Neorealismus

  • Episode 220: Whitechapel (It always rains on Sunday), 1947

    Episode 220: Whitechapel (It always rains on Sunday), 1947

    Wir haben wieder ein wenig gebraucht, aber kein #Noirvember ohne uns Filmarchivare. Dieses Jahr erweitern wir den Hashtag sogar ein wenig: Noirvember, British Edition! Denn wir reden über Noir aus und im Nachkriegs-England, hergestellt bei den berühmten Schwarzhumor-Meistern in den Ealing-Studios. Regisseur Robert Hamer bedient sich bei der Ästhetik des amerikanischen Noirs, inhaltlich ist er aber zutiefst europäisch, mit deutlichen Anleihen am Poetischen Realismus des Vorkriegs-Frankreichs und noch deutlicheren Vibes zu den ebenfalls aktuellen deutschen Trümmerfilmen und dem italienischen Neo-Realismus. Damit löst sich der Film vom zentralen Individuum im klassischen amerikanischen Noir und widmet sich mehr einer Netzwerkerzählung, die die aktuelle soziale Realität der Ärmsten im England darstellen will … und des Zusammenbruchs von Solidaritätsoptionen im mechanischen Stellwerk genannt Moderne.

  • Episode 185: Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert (Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica), 1971

    Episode 185: Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert (Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica), 1971

    Vorab gleich: in diesem Film wird rein gar niemand lebendig eingemauert. Eigentlich gibt es auch keinen Clan. Was es stattdessen gibt: eine nüchtern erzählte, politisch äußerst desillusionierte Geschichte über Korruption im Nachkriegs-Italien. Der beflissene, aber noch naive Staatsanwalt Traini (Franco Nero) und Kommissar Bonavia (Martin Balsam) stehen eigentlich auf derselben Seite – beide wollen gegen die Mafia in Palermo vorgehen. Das wissen sie nur nicht – beide verdächtigen den jeweils Anderen der Korruption. Und so führen sie einen Kleinkrieg, anstatt gemeinsame Sache zu machen. Damiani erzählt diese tragische Geschichte fast ohne Genreanklänge – eher wie einen späten Neorealismo ohne melodramatische Züge. Wir reden über die Doppelgängerkonstellation Traini – Bonavia. Über Martin Balsams grandioses Schauspiel. Und tasten uns ein bisschen weiter an den italienischen Polizeifilm der 70er Jahre heran.

  • Episode 181: Die mit der Liebe spielen (L’avventura), 1960

    Episode 181: Die mit der Liebe spielen (L'avventura), 1960

    Als L’AVVENTURA 1960 in Cannes aufgeführt wird, erntet der Film nicht nur einen Jury-Preis, sondern sowohl Jubel als auch Buh-Rufe aus dem Publikum. Knut versteht beides, und deshalb begeben wir uns in die Schönheit der Langeweile, die der Film bewusst transportiert, die atemberaubende Bildkonstruktion und erfreuen uns an Schauspiel und der Abwesenheit von Wertung, wenn Antonioni das Jetset zeigt, wie es in seinem Selbstbildnis gemeinsam vereinsamt – Vereinzelung und Ennui als die wahre Moderne. Denn das Ganze ist existenziell schön, nur die Bilder der menschenleeren Neubau-Siedlungen, durch die unsere Figuren streifen, sind da noch schöner. Kritik oder gar Satire überlässt Antonioni seinen Kollegen, zum Beispiel Federico Fellini, der auch mit dem im Setting nicht unähnlichen LA DOLCE VITA gleich mal die Palm d’Or im selben Jahr abräumt. Was uns trotz Podcast-Aufgaben fast sprachlos zurücklässt ist auch die Aktualität der Themen und die bis heute greifbar moderne Ästhetik, mit der Antonioni seine Zeitgenossen regelrecht geschockt haben dürfte. Uns dagegen schockt nur der sagenhaft falsche deutsche Titel, denn mit Liebe hat das Dasein der Figuren in diesem Film rein gar nichts zu tun. Jochen ist sich zudem sicher – gib der großartigen Monica Vitti und ihren Kollegen ein paar Smartphones in die Hand, auf Instagram oder TikTok wären sie gar nicht so fehl am Platze. Auch Sophia Coppola dürfte uns zustimmen und schaut ganz genau hin.

  • Episode 136: Die Nächte der Cabiria (Le Notti di Cabiria), 1957

    Episode 136: Die Nächte der Cabiria (Le Notti di Cabiria), 1957

    Federico Fellinis Karriere hat zwei große Phasen: vor und nach dem Neorealismus. Als Drehbuchautor ist Fellini ab den 1940er Jahren für einige der großen Klassiker dieses Epochalstils verantwortlich: Rossellinis Paisà und Roma, città aperta zum Beispiel. Auch seine ersten Filme als Regisseur arbeiten noch ganz deutlich mit den Mitteln des Neorealismus: wenig Studioaufnahmen, kleine Leute als Protagonisten, Armut als Melodram. Spätestens mit La dolce vita (1960) wendet sich Fellini aber ganz und gar ab vom Neorealismus, hin zum Surrealismus und zur Autobiographie. Und dazwischen, da liegt Le Notti di Cabiria. Ein Film, der schon ganz klar einen Ausweg aus dem Realismus sucht: und genau darüber reden wir.

  • Episode 108: Diebe haben’s schwer (I soliti ignoti), 1958

    Episode 108: Diebe haben's schwer (I soliti ignoti), 1958

    Kenner der italienischen Kinomoderne horchen auf: Kamera von Gianni di Venanzo, sonst dauergebucht bei Fellini und Antonioni? Der junge Marcello Mastroianni, die noch jüngere Claudia Cardinale, Vittorio Gassman und diverse andere Großschauspieler in Hauptrollen? Drehbuch u.a. von Suso Cecchi D’Amico? Regie: nicht von Fellini, Antonioni oder Visconti. Sondern von Mario Monicelli. Nie gehört? Kein Wunder: in Italien zählt man Monicelli zu den großen Regisseuren der italienischen Moderne, außerhalb des Stiefels schweigt man sich über ihn aus. Liegt das vielleicht daran, dass der Mann hauptsächlich Komödien gedreht hat? Aber was für Komödien, wie unser Filmarchiv in dieser Episode feststellt! Monicelli und sein Stab aus der vordersten Reihe kombinieren die Ästhetik des Neorealismus mit einer leichtfüßigen Netzwerkerzählung, machen sich über Jules Dassins Rififi (1955) lustig und ganz beiläufig Mastroianni zum Star. Wir unterhalten uns darüber, warum Monicelli kriminell vernachlässigt wird, über die cleveren Genrewechsel des Films, und verorten den Film im Italien an der Schwelle zu den 60ern.

  • Episode 085: Beruf: Reporter (The Passenger / Professione: Reporter), 1975

    Episode 085: Beruf: Reporter (The Passenger / Professione: Reporter), 1975

    David Locke (Jack Nicholson) ist als Reporter in einem afrikanischen Land unterwegs. Da stirbt der Geschäftsmann Robertson im Hotelzimmer gegenüber völlig überraschend an einem Herzinfarkt. Locke nimmt seine Identität an. Warum er auf diese Idee kommt? Mark Peploes Drehbuch macht in der zweiten Hälfte ein paar Angebote: eine Midlife Crisis Deluxe wird da angedeutet, eine Flucht vor der erkühlten Ehe und dem Beruf in das aufregendere Leben des zwielichtigen Waffenhändlers Robertson. Aber Antonioni schert sich kaum um diese herkömmliche Psychologisierung. Für ihn zählt der Moment, das ständige Sich-neu-Erfinden, die Konfrontation mit der Absurdität des Lebens und der Freiheit, die daraus erwächst. Und das Geheimnis David Locke ist ihm viel lieber als Küchenpsychologie. Wir unterhalten uns über die Rätsel und Projektionsflächen dieses Films, aber nicht nur in Ehrfurcht vor dem Meister Antonioni erstarrt – Knut nimmt irgendwann den manchmal durchaus zutreffenden Begriff „CGI-Effekte für Intellektuelle“ in den Mund. Und dann schwelgen wir trotzdem auch in den oft wunderbaren Bildern, der großartigen Kameraarbeit, der Freiheit Lockes/Robertsons, die wir laut Leseanleitung immer auch gleich in Frage stellen müssen.

  • Episode 008: Hands over the City (Le mani sulla città / Hände über der Stadt), 1963

    Episode 008: Hands over the City (Le mani sulla città / Hände über der Stadt), 1963

    Baulöwen aus dem eigenen Stadtrat nutzen staatliche und städtische Unterstützung, um aus günstigem Land und baufälligen Gemäuern luxuriöse Häuser mit potentiell hohem Mietzins zu gestalten, was viele einfache Arbeiter potentiell ohne Dach über dem Kopf dastehen lässt. Klingt nach Gentrifizierung im Berlin 2017? Ist aber Neapel 1963. Francesco Rosi, selbst Neapolitaner, verfilmt ein herausragend recherchiertes Drehbuch mit Strategien irgendwo zwischen Ideen des Neo-Realismus und eigenem, markanten Stilwillen. Herausgekommen ist eine herausragend fotografierte, düstere und frustrierte Bestandsaufnahme von Machtstrukturen und Politik, die in ihrer Ideengeschichte die 60er spiegelt, aber auch nur allzu aktuell wirkt. Wir reden über beides: Stil und die realistische Bitterkeit dieses politischen Films.