Schlagwort: Kitchen Sink Drama

  • Episode 220: Whitechapel (It always rains on Sunday), 1947

    Episode 220: Whitechapel (It always rains on Sunday), 1947

    Wir haben wieder ein wenig gebraucht, aber kein #Noirvember ohne uns Filmarchivare. Dieses Jahr erweitern wir den Hashtag sogar ein wenig: Noirvember, British Edition! Denn wir reden über Noir aus und im Nachkriegs-England, hergestellt bei den berühmten Schwarzhumor-Meistern in den Ealing-Studios. Regisseur Robert Hamer bedient sich bei der Ästhetik des amerikanischen Noirs, inhaltlich ist er aber zutiefst europäisch, mit deutlichen Anleihen am Poetischen Realismus des Vorkriegs-Frankreichs und noch deutlicheren Vibes zu den ebenfalls aktuellen deutschen Trümmerfilmen und dem italienischen Neo-Realismus. Damit löst sich der Film vom zentralen Individuum im klassischen amerikanischen Noir und widmet sich mehr einer Netzwerkerzählung, die die aktuelle soziale Realität der Ärmsten im England darstellen will … und des Zusammenbruchs von Solidaritätsoptionen im mechanischen Stellwerk genannt Moderne.

  • Episode 095: Jack rechnet ab (Get Carter), 1971

    Episode 095: Jack rechnet ab (Get Carter), 1971

    Michael Caine war wahrscheinlich nie unsympathischer, unerträglicher, aber auch schauspielerisch besser. Sein Jack Carter rechnet nicht einfach ab, wie der deutsche Titel behauptet, er bricht zu einer Vendetta gegen seinesgleichen und ultimativ gegen sich selbst auf. Mike Hodges erarbeitet mit seinem erfahrenen Kameramann Wolfgang Suschitzky ein schonungsloses, in seiner dokumentarischer Gestik direktes Bild der Arbeiterwelt in Newcastle an der Schwelle zur postindustriellen Gesellschaft und schaut dabei in eine unerträgliche Unterwelt zwischen Gewalt, Gambling und Pornographie, die die neue Not perfekt aufzunehmen und auszunutzen weiß. In dieser ist der Hauptcharakter der perfekte, nach außen coole Profi. Der Grundtext, neben der Romanvorlage, ist der seit den 60ern mehrfach im Film umgesetzte Text RED HARVEST von Dashiell Hammett, aber der Hardboiled-Trickster wird hier umformuliert: Caines Carter ist noch unerträglicher als die Organisationen, denn er kann sie nicht ausspielen, wenn er selbst sie perfekt verkörpert und in seiner Coolness alles verkörpert, was das dargestellte Übel ist.