Schlagwort: Poetischer Realismus

  • Episode 220: Whitechapel (It always rains on Sunday), 1947

    Episode 220: Whitechapel (It always rains on Sunday), 1947

    Wir haben wieder ein wenig gebraucht, aber kein #Noirvember ohne uns Filmarchivare. Dieses Jahr erweitern wir den Hashtag sogar ein wenig: Noirvember, British Edition! Denn wir reden über Noir aus und im Nachkriegs-England, hergestellt bei den berühmten Schwarzhumor-Meistern in den Ealing-Studios. Regisseur Robert Hamer bedient sich bei der Ästhetik des amerikanischen Noirs, inhaltlich ist er aber zutiefst europäisch, mit deutlichen Anleihen am Poetischen Realismus des Vorkriegs-Frankreichs und noch deutlicheren Vibes zu den ebenfalls aktuellen deutschen Trümmerfilmen und dem italienischen Neo-Realismus. Damit löst sich der Film vom zentralen Individuum im klassischen amerikanischen Noir und widmet sich mehr einer Netzwerkerzählung, die die aktuelle soziale Realität der Ärmsten im England darstellen will … und des Zusammenbruchs von Solidaritätsoptionen im mechanischen Stellwerk genannt Moderne.

  • Episode 152: Die Spielregel (La Règle Du Jeu), 1939

    Episode 152: Die Spielregel (La Règle Du Jeu), 1939

    Jean Renoir folgt der Form der Mise en Scène schon lange, bevor sie einen Namen hat, und baut einen radikalen Realismuseffekt auf, natürlich auf Kosten der Möglichkeiten der Kamera in diesen noch recht frühen Tagen des Tonfilms. Wir folgen der Pariser Elite aufs Land: den reichen Adeligen, der Dienerschaft, dem etablierten Bürgertum, aber auch Zugezogenen und den Helden der Moderne, die leider die Spielregeln der oberen Schicht nicht kennen. So entsteht ein Film, der zwischen Genres changiert, vom Lustspiel in die Tragödie, die den baldigen Zweiten Weltkrieg vorausahnt. Der Film erlaubt uns einen fast freien Blick in seine Welt, die uns unterhält, aber auch verunsichert und überfordert, in einer Form, die in uns ein emotionales Chaos erzeugt, das wir selbst wieder aufräumen müssen, womit DIE SPIELREGEL lange nach dem Schauen bei uns bleibt.

  • Episode 063: Schießen Sie auf den Pianisten (Tirez sur le pianiste), 1960

    Episode 063: Schießen Sie auf den Pianisten (Tirez sur le pianiste), 1960

    Nouvelle Vague-Meister Truffaut macht in seinem zweiten Film auf Film Noir, interessiert sich aber weniger für den angetäuschten Gangster-Plot, als mehr für Beziehungen und wie sich das ganze Thema mit Mann, Frau und Sexualität im jungen, modernen Frankreich neu aushandelt. Ein Widerspruch? Ganz und gar nicht, denn SCHIESSEN SIE AUF DEN PIANISTEN arbeitet sich an den sozial veralteten Modellen von femme fatale bis femme fragile ab und nutzt Noir als den wiederentdeckten expressionistisch-existenzialistisch geprägten Euro-Export in das Hollywood-Kino, um Form, Narration und vor allem Kontext in die Heimat zurückzuholen. Denn hier diskutiert gerade die junge, erst nach dem Weltkrieg erwachsen gewordene Generation in Pariser Cafés über Camus, Sartre und de Beauvoir; das Frauenbild ändert sich, die alten Vorstellungen greifen nicht mehr. Truffaut zeigt an seinem schüchternen Hauptcharakter die Verunsicherung, die mit einer neuen Verhandlung der Geschlechterrollen und -beziehungen einhergeht, aber auch, warum das einfach notwendig und richtig ist. Dabei nutzt er alle Methoden der politique des auteurs: der filmische Blick bleibt männlich, der Figur und dem Regisseur zugeordnet. Das Bild ist zudem immanent, direkt, die Erzählung subjektiv. Zusammen mit Raoul Coutards faszinierender Bildstrategie, die zwischen dem neuen, niemals perfekt wirkenden Filmbild im Jetzt und der visuellen Norm in der verschachtelt offengelegten Vergangenheit wechselt, entsteht so bei uns der Eindruck: eigentlich ist das hier ein Film Noir, eben einer gefilmt durch eine neue, moderne Linse und erzählt mit einem unbedingten Willen zum Auteurismus, der auch seinem Publikum zutraut, die formale Neukonfiguration auf die Aushandlung eines (in den 60ern) modernen Geschlechterverhältnisses zu übertragen. Darüber müssen wir im Detail reden…

  • Episode 055: Die Enttäuschten (Le beau Serge), 1958

    Episode 055: Die Enttäuschten (Le beau Serge), 1958

    In seinem Langfilm-Debut setzt Claude Chabrol die Forderungen der Nouvelle Vague gleich einmal in die Tat um: er erzählt mit einer Mise en Scène direkt aus dem Baukasten der Theorien seines intellektuellen Ziehvaters André Bazin von dem Sinnverlust einer Existenz in der Provinz. Wir kehren mit dem Studenten François in dessen Heimatdorf zurück, in dem alles, was mal an seinem Platz war, nicht mehr zählt und der Untergang der dortigen Gemeinschaft stetig voranschreitet. Es gibt kaum Arbeit, Paris ist genau so weit weg wie fließend Wasser oder Strom, die Gebäude verfallen genauso wie die verstetigten Normen, die ein Zusammenleben ermöglichen. Da ist die minderjährige Dorfschönheit nur noch über Sex in der Lage, für sich Bestätigung zu finden, der Pfarrer alleine mit sechs älteren Damen in der zugigen Kirche. Und auch die Arbeit ist rar, sodass selbst Serge, der Schönste und Klügste aus François‘ Klasse, nur noch LKW-Fahrer ist, ein sehr passender Job für jemanden mit schwerer Alkoholabhängigkeit. Was wie ein Abgesang auf die arme Provinz aus dem modernen Paris wirken könnte, ist ebenso eine Konfrontation für den Zuschauer und Filmemacher, dem Intellektuellen aus dem Zentrum des Landes, der sich als moralische Instanz betrachtet. Stilistisch ist der Film gerade in seiner Zeit atemberaubend und revolutionär: die Kamera wird zum Akteur, die auf das Schauspiel zu reagieren scheint, deren Schwarz-Weiß-Bild im alten 4:3-Format niemals auf Perfektion der Ausleuchtung und geschmackvolle Cadrage setzt, dafür aber klug das eigene Wissen über die Kinogeschichte einwebt – so wird der Film unmittelbar, direkt und dennoch emotional mitreißend.

  • Episode 047: Das Verbrechen des Herrn Lange (Le crime de Monsieur Lange), 1936

    Episode 047: Das Verbrechen des Herrn Lange (Le crime de Monsieur Lange), 1936

    Jean Renoir ist einer der berühmtesten französischen Regisseure, und seine SPIELREGEL taucht regelmäßig weit vorne in Listen der besten Filme aller Zeiten auf. Gleichzeitig sind sein Humanismus und sein wenig ostentativer Auteurismus aber auch arg aus der Mode gekommen, und das sowohl bei den Praktikern als auch bei den Zuschauern. Wir mussten dementsprechend lange warten, bis endlich eine Blu ray-Neuauflage erschien, um Renoir ins Filmarchiv-Programm zu hieven. Dafür ist DAS VERBRECHEN DES HERRN LANGE dann gleich einer von Renoirs schönsten Filmen und ein toller Einstieg in seine Filmographie (auch Freunde der Arbeiten von Jacques Prévert kommen auf ihre Kosten: er hat hier das Drehbuch mit verfasst). Es geht um eine kleine Verlagsanstalt mit eigener Druckerei im Paris der 1930er Jahre, deren Mitarbeiter arg unter dem narzisstischen, übergriffigen Firmenchef leiden. Als der dann vermeintlich bei einem Zugunglück ums Leben kommt, wird der Verlag zur Genossenschaft umgebaut – und binnen kürzester Zeit zur sozialistischen Utopie. Renoir inszeniert diesen Wunschtraum mit unerhörter Leichtigkeit und mit Sympathie selbst für die größten Widerlinge. Wir sprechen über seinen Regiestil, die Verwendung von Tiefenschärfe, die Arbeit mit dem Ensemble aus Film- und Theaterdarstellern und ordnen MONSIEUR LANGE historisch ein.

  • Episode 032: Hafen im Nebel (Le quai des brumes), 1938

    Episode 032: Hafen im Nebel (Le quai des brumes), 1938

    Marcel Carnés Film über einen Deserteur, der in Le Havre seine Chance auf eine Flucht nach Südamerika sucht, sich dann aber Hals über Kopf verliebt, ist nicht nur ein Klassiker des Kinos, sondern auch ein perfektes Beispiel für die Phase des poetischen Realismus im französischen Film. Wir sprechen über die einzelnen Aspekte, die den Film hoch-artifiziell und damit auch poetisch, gleichzeitig aber auch realistisch werden lassen. Dabei geht es auch um die anderen hier beteiligten großen Namen dieser Phase des französischen Films: Drehbuchautor Jacques Prévert, der die Geschichten lieferte, Jean Gabin, das berühmteste Gesicht dieser Dramen, und Kameramann Eugen Schüfftan, der aus dem deutschen Expressionismus stammend den poetischen Realismus und später den amerikanischen Horror und den Film Noir visuell prägen sollte. HAFEN IM NEBEL hat uns (wieder einmal) bewiesen: Filmgeschichte kann richtig aufregend sein!