Episode 166: Wolf Guy (Urufu gai: Moero ôkami-otoko), 1975

Exploitation aus Japan – ein guter Start in den #Japanuary und in das neue Jahr! Wenn Sonny Chiba auf den Vollmond wartet, um endlich fast unsterblich aufzuräumen und Rache zu üben, dann ist das Publikum emotional dabei. Wir reden über die Rolle von Exploitation gerade in den 70er Jahren und über deren internationale Verquickung, die wir an WOLF GUY wunderbar nachvollziehen können: der Funk kommt aus den USA, Sonny Chibas Modell als filmisch bewanderter Karateka mit eigenem Stuntteam aus Hongkong, aber die Themen, über die der Film seine gezielten Überschreitungen des guten Geschmacks vorantreibt, sind der japanischen Kultur tief eingeschrieben. Regisseur Kazuhiko Yamaguchi greift dabei gekonnt und tief in die visuelle und musikalische Trickkiste: Plot? Interessiert nicht! Aber wie kann ich jede einzelne Szene zu einem kleinen Ereignis machen, und das quasi ohne Geld?

Daten & Verfügbarkeit

Urufu gai: Moero ôkami-otoko (en.: Wolf Guy), J 1975, Regie: Kazuhiko Yamaguchi

Wir haben die Blu-ray von Arrow Films gesehen – sehr ordentliches Remaster und klasse aufbereitet, eigentlich wie immer bei dem Label.

Rechtliches

Für den Podcast wurden Soundeffekte der Seite Freesound.org verwendet (Beschreibungen in Englisch):

Thanks to all creators and the community of freesound.org!

Special Thanks

Ein besonderer Dank geht an Florian Hoffmann, der unseren bescheidenen Intro-Text wie ein Ereignis hat klingen lassen. Alle unsere Versuche, ihn mit Nachbearbeitung auf unser Niveau herabzuziehen, sind zum Glück fehlgeschlagen.

3 Antworten auf „Episode 166: Wolf Guy (Urufu gai: Moero ôkami-otoko), 1975“

  1. Da habt ihr euch aber ein Thema ausgesucht, mich nach Expertise zu fragen… ich höre noch mal den entsprechenden Teil und versuche da so kompetent ich kann drauf einzugehen, aber a) bin ich für den Themenbereich kein Experte und b) möchte ich direkt klarstellen, dass ich auf diverse Einzelfälle eingehen werde, die mir untergekommen sind und über die ich mit Japanern geredet habe, weshalb ich davon ausgehe, dass so etwas passiert, was aber nicht bedeutet, dass das allgemeingültig oder gar alltäglich ist.
    Zu allererst mal zu den nicht gemeldeten Sexualstraftaten: Jochen erwähnt da die berühmte Scham, die stark in der Kultur verankert ist. Das ist sicherlich nicht ganz falsch, aber ein etwas überstrapaziertes Klischee. Ich denke, in dem Punkt ist es viel relevanter zu sehen, dass die Chance auf eine Strafrechtliche Verfolgung sehr gering ist. Dabei werden die Frauen genötigt, den Tathergang haargenau zu schildern und das Elend indirekt noch einmal durchleben zu müssen und gleichzeitig gilt das Motto: “Wie? Sie wissen nicht mehr, ob er sie mit der linken oder rechten Hand angefasst hat? Wie kann es denn dann überhaupt wahr sein?” Die Hürden, die man nehmen muss, damit das überhaupt verfolgt wird, sind also enorm. Vor einigen Jahren gab es jedoch einen sehr prominenten Fall, bei dem eine Journalistin von Abes Biografen (meine ich zumindest, jedenfalls ein enger Vertrauter des damaligen Premierministers) vergewaltigt wurde und das rechtlich voll durchgezogen hat, was für enorme mediale Aufmerksamkeit sorgte und die ganze Problematik der öffentlichkeit klar zeigte. Ebenso wurde letztes Jahr der Autor des Mangas Act-Age verurteilt, weil er in der Öffentlichkeit Schülerinnen (so 13-15 Jahre alt) angefasst hat. Der wurde aber auch dabei gefilmt, da war der Sachverhalt schnell klar. Genau so nutzen heutzutage viele Frauen Social Media, um solche Missstände anzuprangern. Da sind die Hemmungen logischerweise geringer. Interessant dabei ist, dass dann einige englischsprachige Nutzer diese Nachrichten übersetzen, damit man im Westen auch darauf aufmerksam gemacht wird, was dann von vielen als Verwestlichung und Aufzwängen von Standarts gesehen wird, als hätte man die Japanerinnen einer Gehirnwäsche unterzogen. Um noch kurz bei der Rezeption westlicher “Japanenthusiasten” zu bleiben, ist es sehr interessant anzusehen, dass hier viele Konsumenten von Manga und Anime Übersetzern usw. Zensur vorwerfen und behaupten man würde die wunderbare und vollkommen unpolitische Welt des perfekten Eskapismus mutwillig zerstören wollen.
    Das Ausmaß dessen, wie diese Probleme auch heute noch (bzw. besonders heute) im Kino (besonders im Independentbereich) behandelt wird, konnte man z.B. wunderbar anhand der letzten Nippon Connection sehen, wo man ganz bewusst den Fokus auf Filme von und über Frauen legte und diese Themen quasi omnipräsent waren. Spontan fallen mir da Under your bed, Shade of Red oder Minori on the brink ein. Was den B- bis C-Film der 70er angeht, wo Wolf Guy ja reinfällt, sollte man nicht die allgemeine Haltung gegenüber der Pink-eiga (also mehr oder weniger pornografischen “Biligunterhaltung”) vergessen, wo ja oftmals die Ansage war, dass der Regisseur tun und lassen kann, was er will, so lange er Budge und Drehplan nicht überschreitet und ein Mindestmaß an Sex und Gewalt drin hatte, was ja oft genug zu hochpolitischen Filmen führte, weshalb es sicher niemanden überrascht, wenn so etwas einem irgendwo heimlich untergeschoben wurde. Auch Filme wie Sasori (Female Prisoner Scorpion) waren ja extrem politisch und hatten exakt diese Problematik mit drin (inkl. dem bösen Patriachat und somit der Regierung).
    Was die Stellung der Frau in der Gesellschaft angeht, sind wir da gerade mitten im Wandel. Es gibt z.B. immer noch den gesellschaftlichen Druck, dass man bis 30 geheiratet haben muss, Ehe bedeutet, dass man Kinder zu bekommen hat und Hausfrau wird. Das kolligiert nun aber mit der Realität, dass sich das kaum einer mehr leisten kann, dass die Frau daheim bleibt. Das führt wiederum zu mehr Singles (warum heiraten, wenn man sich keine Kinder leisten kann?) und mehr Frauen auf dem Arbeitsmarkt, die dort aber nicht akzeptiert werden, weil viele Bosse immer noch davon ausgehen, dass die sowieso demnächst heiraten, Kinder gebären und dementsprechen kündigen. Dazu kommt, dass Bildung elend teuer ist, sich das viele nicht leisten können (oder dann lieber den Sohn finanzieren, weil der ja nicht nur bis zum Baby arbeiten muss). Rein strukturell sind also Frauen immer noch stark benachteiligt (unter Abe sank Japan auch im Ranking der Geschlechtergleichheit etliche Plätze), was dann wieder dazu führt, dass viele Frauen im Bereich der (quasi-)Prostitution (wobei Prostitution ja eigentlich illegal ist) arbeiten. Und hier sieht man, besonders in den verschiedenen Varienten der Hostessenbars, wieder die Machtfantasie der wohlhabenden Männer, die gerne damit prahlen, dass sie es sich leisten können, Frauen mit Geld kaufen zu können.
    Dazu kommt ein, und jetzt bewegen wir uns etwas weiter ins Spekulative, anderes Verhältnis zu Ehe, Beziehung und Sex, als man es in Deutschland hat. Würde ich insgesamt als etwas pragmatischer benennen. Man heiratet auch schon mal, weil sich das eben so gehört, Sex hat man nach dem ersten Kind aber nicht mehr (ist ja ekelig, pfui, pfui) und hat stattdessen Affären (so wie ich das wahrnehme eher die Männer, doch irgendwann ist bei vielen Frauen die Frustration und Einsamkeit wohl auch zu groß). Interessanterweise ist aber die Fremdgehquote, glaube ich, etwas geringer als in Deutschland. Irgendwann hatte ich das mal verglichen. Interessant dabei ist, dass es bei allen Benachteiligungen und Problemen immer auch Menschen gibt, die das instrumentalisieren (und jetzt bitte auf keinen Fall verallgemeinern, aber es sind Dinge, die mir unterkamen und so von Japanern erklärt wurde) und z.B. durchaus Frauen es so auslegen, dass sie ihren Partner nicht betrügen, wenn sie dem Mann, mit dem sie Sex habe, sagen, dass sie es nicht wollen. Nun haben wir das Problem: manche Männer neigen zu sexuellen Übergriffen und begründen es damit, dass die Frau es eigentlich wollte, und manche Frauen benutzen eben dies, um sich nicht schuldig fühlen zu müssen. Was zuerst da war, wage ich nicht zu beurteilen. Im Zweifelsfall sicher die übergriffigen Männer. Es ist auf jeden Fall ein furchtbar komliziertes Ding, was für mich eher undurchschaubar scheint. Diese Fantasie, dass die Frau es eigentlich will, ist jedenfalls extrem verbreitet und findet sich ja auch durchaus in etlichen Filmen wieder und von Vergewaltigungspornos wollen wir lieber erst gar nicht anfangen. Das die Wahrnehmung der Männer dadurch aber extrem gestört zu sein scheint, würde ich aber daran festmachen, dass in allen Zügen aufkleber angebracht wurden, die den Fahrgästen klar und deutlich sagen, dass Grapschen ein Verbrechen ist. Ist wohl vielen nicht klar. Ebenso Hinweisschilder an Rolltreppen, die daran erinnern, dass auch unter Rücke zu fotografieren schlimm ist und die Tatsache, dass man bei japanischen Telefonen das Kamerageräusch nicht ausschalten kann, sprechen durchaus dafür. Das diese Sachen dann eben in entsprechenden Fetischprodukten (wie z.B. Büchern mit eben solchen Schlüpferfotos oder besagten Pornos) stattfinden, hilft vermutlich nicht so sehr, bei der verzerrten Sichtweise der entsprechenden Männer.
    Was mir persönlich nun noch bei der Arbeit aufgefallen ist: anscheinend kommt diese Übersexualisierung und besonders auch die Fetischisierung von Schulmädchen in Filmen, Serien, Manga und Anime durchaus bei den jungen Mädchen an, die sich dann auch durchaus entsprechen verhalten. Ein Kollege hatte Schülerinnen, die sich auf dem Tisch räkelten, als wollten sie jeden Moment von hinten begattet werden, eine meiner Schülerinnen kam ohne Unterhose und zeigte mir sehr offensichtlich ihre, Schambereich, andere führten im Klassenzimmer “erotische” Tänze auf und nötigten mich zuzusehen, eine fasste mich an und rief laut, wie gut sich das anfühlt, und eine legte die Füße auf den Tisch, spreizte die Beine und wenn jemand zufällig in ihre Richtung und somit zwangläufig ihren Schlüpfer sah, schrie sie laut “Ein Perverser!”. Ich behaupte also mal, dass sich zumindest einige den Umständen sehr bewusst sind und zumindest irgendwie “nutzen”, was auch immer sie damit erreichen wollen. Ich habe mich jedenfalls häufiger gefragt, wie genau die wissen, dass mich der Unfug durchaus den Job kosten kann. Zumindest scheinen sie zu wissen, wie sie aus ihrer Lage einen gewissen Machtgewinn ziehen können.
    So oder so ist Japan weit davon entfernt, diese Probleme überwunden zu haben, und wir werden sie noch lange in Filmen aufgearbeitet bekommen und ich weiß schon gar nicht mehr, was von alle dem, was ich gerade schrieb, sich nun wirklich auf eure Folge bezog und wo ich komplett abgeschwiffen bin. Ich hoffe, es gab noch etwas Kontext zu eurer, wie ich finde, gar nicht falschen Einschätzung.

  2. Anmerkung! (Hoffentlich kommen nicht noch mehr…)
    Was die Darstellung minderjähriger Mädchen in Manga und Anime betrifft, herrscht hier anscheinend ja bei vielen die Meinung: Es ist gezeichnet, also kommt ja niemand zu Schaden, also ist es ok. Wobei es natürlich auch hier viele, besonders weibliche, Stimmen gibt, die das anprangern.

  3. Einen habe ich, glaube ich noch:
    Ich habe gerade noch ein wenig über meine persönliche Wahrnehmung von japanischen Filmen nachgedacht und zwei Dinge kamen mir in den Sinn. 1.) Eine Zeit lang hatte ich den Eindruck, dass es kaum einen japanischen Film ohne Vergewaltigung gibt. 2.) Ich erinnere mich daran, dass manche Leute bei Filmen kritisierten, wie nebensächlich und oberflächlich sexuelle Gewalt als Charakterisierung von weiblichen Figuren genutzt wird. Mein Gedanke dazu war: die Thematik ist doch im Kino so omnipräsent, dass eine genauere Auseinandersetzung damit gar nicht nötig ist, weil man als Filmfan die Bezüge zu etlichen anderen Werken hat und dies quasi schon ein Stereotyp aus dem japanischen Drehbuchautorenwerkzeugkasten ist.
    Kann an meinem damals enormen Konsum von Genrekino gelegen haben (das japanische Kino an sich ist ja doch ein wenig vielfältiger), aber ich denke, ein Funken Wahrheit ist dran, was dann wiederum durchaus etwas über das Ausmaß sexueller Gewalt in der Gesellschaft aussagen würde. Denke ich.

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